Ein zwölfjähriges Mädchen war ich, als du zu uns stiessest. Ein kleines rotes Hämpfelchen mit schon ziemlich langen dunklen Haarschübelchen und zarten Fingerchen die sich sofort um meinen ausgestreckten Zeigefinger schlossen. Schon im Voraus habe ich aus zarter Wolle ein Ausgehjäckchen für dich gehäkelt mit dazupassendem Mützchen notabene – deine Mama staunte über die sorgfältig arbeitende Zwölfjährige und wählte dieses Kleidchen für deine Taufe – unvergesslich diese Ehre für mich als Mädchen – vor allem war ich aber sehr beglückt in dir jemanden zuhaben den ich von Herzen verwöhnen konnte: ein richtiges, richtiges Familienbaby.
Ausfahren mit dem Babywagen - Schöppele – Banane mit Joghurt mischen – vom Taschengeld Esslätzchen für jeden einzelnen Tag einkaufen – dich herzen und vermüntschelen – mit dir umherkrabbeln – deine ersten Schrittchen begleiten – staunen dass deine ersten Worte tatsächlich auf französisch daher kommen, grad so wie bei deiner Mama – sich wundern über die Vielzahl deiner kleinen Autos – Spazieren gehen - Schaukeln – deine Geburtstage feiern – und plötzlich ein abrupter Schnitt: deine Mama und dein Papa trennten sich. Trauer – wir sahen uns vorerst nur noch spärlich. Manchmal, wenn niemand anderer zur Verfügung stand, duften wir dich für einen Tag bei uns zu Hause haben: mit Bauklötzen die höchsten Türme bauen, zusammen lachen, zeichnen, den Hund Gassi führen, französisch parlieren, Gelächter auskosten und trauern wenn du am Abend wieder zurück zu deiner Mama gingst. Du gehörtest doch auch zu uns…
Während meiner Ausbildungszeit hat dein Papa dich manchmal an einem Samstag mit ins Geschäft genommen. Du nanntest dich „le petit Souchef“ Mama brachte dir dies bei, und du stauntest darüber wie gekonnt wir unsere Arbeit taten: das wolltest du auch einmal können. Es folgten Jahre der Ferne weil wir uns im Ausland engagierten. Du musstest andere, erschütternde Entbehrungen hinnehmen: auf einmal gab es deine Mama nicht mehr. Jetzt begann dein Leben an der Seite des Vaters. Wir begegneten uns wieder etwas öfter. Die Zeit der Kindheit war definitiv zu ende. Du wähltest später den gleichen Beruf wie dein Herr Papa, verfolgtest weitere Studien in der Meisterschule, wurdest erfolgreich, bliebst aber immer der charmante, liebenswürdige, humorvolle und feinfühlende Souchef der seine Lausbubenhaftigkeit vordergründig nie ganz abschütteln wollte. Dein Lachen tat wohl. Heirat mit dem patentesten Mädchen der Welt, reisen, geniessen, arbeiten, arbeiten, arbeiten uuuund einen Sohn zeugen. Gegen Krankheit rebellieren, Leben auskosten, rundum alles Perfekt hinkriegen wollen, dabei merken dass nicht alles unter einen Hut zu bringen ist uuuund daran verzweifeln.
Heute haben wir von dir Abschied genommen. Dich hergeben zu müssen ist für uns alle sehr, sehr schmerzlich – heute ist der allerschwärzeste Tag meines Leben.