27/4/2009 apropos "eine Lebenslange Liebe..."
30 Tage/ 30 Tassen: Bild 27
Die Glückstasse
Dieser Blogbeitrag erinnert mich daran, die Geschichte zweier besonderer Menschen, an deren Leben ich als „La Petite“ teilgenommen habe, zu erzählen.
ER würde in diesem Jahr 106 jährig, SIE 94 jährig.
Als Sohn einer früh verwitweten Frau, ist er zusammen mit zwei Brüdern am Jurafuss aufgewachsen. Alle drei Jungs durchliefen eine erste Lehre als Landschaftsgärtner. Er wollte die weite Welt kennen lernen und absolvierte danach die Hotelfachschule und engagierte sich nach dem in verschiedenen Grand Hotels Europas. Bis zu seinem Lebensende verständigte er sich fliessend in sechs Sprachen. Zur Zeit der Inflation kehrte er wieder Heim. Hier traf er SIE.
Sie stammte ursprünglich aus einem Uhrenfabrikantenhaushalt. Selber lernte sie die Uhrenmacherei, von der Picke auf, in- und auswendig kennen. Sie hatte strenge Lehrmeister und wurde selber zur absoluten Könnerin ihres Faches. In der grossen Wirtschaftskrise vor dem zweiten Weltkrieg, zog sie zusammen mit ihrer plötzlich verwitweten Mutter und den Geschwister in die Stadt am Jurafuss. Dort trafen SIE und ER aufeinander – uuuuund heirateten.
Er kehrte zu seinem Erstberuf zurück und baute die herrlichsten Gartenanlagen. Sie war Chefin in einer kleinen Uhrenfabrik und erlebte/leitete den Aufschwung der Uhrenindustrie nach dem Kriege mit. SIE und ER blieben zeitlebens ein Liebespaar. Ihre beiden, mit grossem zeitlichem Abstand geborenen, Kinder, wurden sozusagen von Schwiegermutter und Mutter aufgezogen. Diese beiden Frauen waren emanzipiert noch bevor dieses Wort in aller Munde war und setzten sich zeitlebens für Gleichberechtigung von Frau und Mann ein. Die Grosskinder wuchsen in diesem Verständnis ganz unbefangen auf. SIE und ER konnten sich völlig in ihren Berufen entfalten. SIE und ER stahlen sich aber zwischendurch immer wieder einwenig Zeit füreinander. Er sah in jungen Jahren die ganze Welt und war nun eher an den heimischen Gebieten interessiert, so dass sie dadurch vor allem die Heimat gut kennen lernte. Die Beiden schalteten zweimal im Jahr Ferien ein – damals glaub eher eine Seltenheit. In seiner Freizeit schleppte er zudem die Kinder per Fahrrad durch die ganze Schweiz. Er erklärte ihnen Flora und Fauna an Ort und Stelle. Als grosser Kenner, Sammler und Züchter von gesundheitsfördernden Kräuter und Pflanzen war er immer mit sehr wachem Auge in der Natur. Für alle Krankheiten und für jedes Weh hatte er die passende Kräutermischung zur Hand.
Er sorgte sich diesbezüglich rührend um seine liebste Frau. Tagtäglich bereitete er für sie einen Krug Kräutertee zu. Immer in der Mischung die ER für SIE als nötig und gut tuend empfand. Sie liess ihm da freie Hand, denn er war der Fachmann. Eine besondere Eigenart brachte sie selber mit: den Tee trank sie ausschliesslich aus feinem Porzellantässchen, immer mit Untertasse bestückt. Der Teekrug und die Tasse zusammen mit einem zweiten Unterteller für das Teesieb - die Kräuter liessen sie nämlich im Krug zurück - standen immer feinsäuberlich neben dem Spülstein. Wenn ich als kleines Mädchen drüben übernachtete, sah ich auch wie er morgens einen Thermoskrug mit Kräutertee abfüllte, den sie mit ins Geschäft nahm. Auch dort gab es wunderschöne Porzellantassen. Tee aus liebevoll zusammengesuchten Kräutern hat nichts anderes verdient als in zartesten Tassen genossen zu werden. Deshalb leistete sie sich ab und zu ein neues Service, denn Tassen zerschlagen und bringen dadurch Glück ins Leben. Aus dem letzten so erstandenen Service stammt dieses Tässchen. Sie selbst hat jedem Ururenkel eine dieser Tassen geschenkt.
Noch etwas: die Beiden nannten sich aus Überzeugung immer beim Vornamen – auch wenn sie mit Kindern und Kindeskindern voneinander sprachen: sie war immer Alice und er immer Françis. So viel Respekt für eine lebenslange Liebe.




Kommentare
Ein schöner Beitrag zum Projekt.
und ganz beosnders dieser Respekt füreinander..
Danke fürs teilhaben lassen.
und die Tasse so zart passt wundervoll..
welch schönes Andenken.
herzliche Grüsse liebe Rinaa von Elke
sehr hübsche Geschichte - vielen Dank dafür! Besonders bemerkenswert find eich in der Tat die konsequent durchgesetzten Vornamen. Nichts Furchbareres als ein Paar, das vor lauter Alltag und Familiendasein zum gegenseitigen "Mama" und "Papa" mutiert.
Liebe Grüsse
Doris
Liebe Grüße!