30/9/2007 apropos "danke für die wunderbare Zeit..."
Huch
und auf einmal sind wir wieder im Land
und auf einmal zähle ich die Minuten in denen wir noch ungestört die Zweisamkeit geniessen können
und auf einmal will ich mich an die verbleibenden Ferientage klammern und stopfe sie voll Lustbarkeiten
und auf einmal erinnere ich mich daran, dass ein Monat ein Monat ist und nicht etwa die vermeintliche Ewigkeit
und auf einmal sind alle Freizeit- und Ferienklamotten gewaschen und gebügelt und versorgt
und auf einmal liegt ein prächtiger FerienFotoband vor mir
und auf einmal soll wieder alles sein wie gehabt…
Uns nur noch dem herrlich süssen Nichtstun hinzugeben, wird uns hier auf der Insel recht schwer gemacht. Mit enorm attraktiven Angeboten werden wir davon abgehalten dem Müssiggang zu frönen. Wunderbare Konzerte in Kirchen und Konzertmuscheln, herrliche Ausstellungen in freier Luft oder explizit dafür vorgesehenen Räumen oder sogar in Kirchen, unzählige Sehenswürdigkeiten über die ganze Insel verstreut und natürlich die herrlichen Naturlandschaften in Wassernähe lassen uns kaum still sitzen. Zur Ruhe kommen wir trotzdem: kein Zeitdruck gibt das Tempo an und nirgends ist Hektik zu spüren. Was gibt es also Entzückenderes für mich, als einmal von Kulturellen Anlässen verwöhnt zu werden ohne den kleinsten Finger krumm zu machen und selber mit Organisatorischem betraut zu sein. Einfach geniessen – wunderbar!
In der ganzen Vielfalt der Angebote sticht für mich die Einladung des Mölschower Kulturhofs unter dem Motto „Usedom aktiv – sehen – erleben – mitmachen“ ganz besonders hervor. Nebst dem Landwirtschaftlichen Erlebnisbereich werden hier traditionelle Handwerkstechniken der pommerschen Region vorgestellt. Unter anderem auch Filzen. Jajajajaaaaa FILZEN. Seit Liz mir die unversponnene, pflanzengefärbte Schafwolle vermacht hat, denke ich daran einen Filzkurs zu besuchen.
Bietet sich mir nun hier die Möglichkeit, eine kleine Einführung in dieses Handwerk zu erhalten? Eine Weile schaue ich den Jugendlichen bei ihrem Kurs zu und stelle, als aktive Zuschauerin, den Leiterinnen wenige Fragen. Die sachkundige und trotzdem sehr auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden eingehende Art der Stoffvermittlung spricht mich an. Hier wird vor allem mit ganz viel Herz unterrichtet. Nachdem die Leiterinnen darauf hinwiesen, dass durchaus auch Erwachsene an einem Kurs teilnehmen können, ist im Nu ein passender Termin vereinbart.
Noch immer fühle ich beim Anblick dieser Rose in meinen Fingern die weiche Zartheit des Materials während des Filzens. Filzen erweist sich als eine sehr sinnliche Art des Arbeitens. Durch die Blume lernte ich gleich sechs unterschiedliche Filztechniken: im Kelch das eigentliche Filzen, im Stängel das Aufsetzen eines Zweitmaterials und die Wichtigkeit von kraftvollem reiben für die Stabilität der gesamten Blume, im Blütenstempel das Anfertigen einer Kugel, mit dem Blatt erfuhr ich hurtig was es heisst mit einer Nadel trocken zu filzen und mit einem Hauch von Material die Rispen zu setzen. Phänomenal was so in einer Blüte steckt!
Nachmittags wagte ich mich an ein Unterfangen das ich mir als Anfängerin eigentlich noch nicht zugestehen sollte. Danke liebe Frau P. für Ihren Mut und Ihre Geduld mir meinen Wunsch nach einem Sonnenuntergangsbild gewähren zu lassen.
Mitzuerleben wie konsequent auf sachgerechten Umgang mit Material und Technik geachtet und trotzdem die persönlichen Ideen und die individuelle Art des Arbeitens respektiert wird, hat mich sehr beeindruckt. Das persönliche Engagement und die feinfühlende Art der Leiterinnen empfinde ich als einzigartig und sehr wertvoll. Dieses tolle Projekt sehen-erleben-mitmachen bietet eine ausgezeichnete Abwechslung in den Ferientagen mit garantierter Langzeitwirkung...
Völlig anders als im Voraus vorgestellt, präsentiert sich uns das hiesige Inselleben. Einzig die Spaziergänge morgens und abends dem Ufer entlang, entsprechen meinen Bildern. Der Sandstrand am Ostseeufer wird nur durch die Seebrücken der einzelnen Seebad-Orte unterbrochen – Sandstrand soweit das Auge reicht und natürlich Strandkörbe, auch soweit ich sehen kann.
Alle stehen sie dem Meer abgewannt da und nur ich selber scheine mich daran zu stören... na ja die praktischen Körbe, die sich fast zu einem Liegestuhl verlängern lassen, dienen den Sonnenanbetern nicht nur Schutz vor eben dieser Sonne, sondern vor allem Deckung vor dem ständig präsenten Wind. Die Urlauber wissen nicht wie sich diese Strandkörbe aus früheren Badekarren entwickelt haben und einst bis ganz ans Wasser gezogen und von deren Treppchen aus die Wasserfluten genossen wurden. Der heutige Gebrauch der Strandkörbe entspricht mir nicht. Sollte ich mich tatsächlich untätig an den Strand fläzen wollen, uuund das täte mir glaub sehr gut, so müsste ich unbedingt das Meer im Auge behalten können. Ich kann mich am Meer nicht satt sehen und brauche deshalb weder Sonnen- Sand- noch Sichtschutz durch den Strandkorb – ihn hingegen als gemütliches Lager für einen tollen Ausblick aufs Meer zu nutzen, ihn als Lesesessel da zu haben und beim Aufblicken direkt in die unendliche Weite schauen zu können und last but not least in ihm auch Aufbewahrungsort für mein mitgebrachtes Mal-Krimskrams zu haben, fände ich schon klasse... wer weiss, vielleicht miete ich mir heute so ein Teil. Das Meer – es zeigt sich in tausend Farbschattierungen und sein Wellenspiel weist mannigfache Bilder auf. Je nach Witterung und je nach Tageszeit ein anderes Farb- und Bewegungsschauspiel, das sich oft in Minuten wieder ändert. Die Möwen gastieren dabei als talentierte Akteure, die offenbar kein Lampenfieber kennen und sich freimütig unter ihr Publikum mischen. Da und dort ergattern die grossen Vögel einen Leckerbissen und wenn nicht, können sie sich äusserst heftig um die Köstlichkeiten streiten – wie gesagt: ein Theaterstück.
Früh morgens speit das Meer kleine Muscheln und anderes Gut aus seinem Schlund. Mit etwas Glück lassen sich sogar kleine Bernsteinstückchen finden. Grosse Steine oder gar Hühnergötter wie sie Gaga im letzten Jahr beschrieben hat, sind mir bis jetzt nicht begegnet. Der Strand mit seinen weichen, sanft angeschmiegten Dünen weist keine Ansammlungen von Steinen auf. Schade. Steine bedeuten mir von jeher viel und ich gebe nicht locker ein paar schöne Stücke zu finden – vielleicht hat der Strand weiter östlich etwas für mich übrig oder ich habe am Achterwasser mehr Glück? Apropos Achterwasser: wir entdecken die malerischsten und niedlichsten Fischerhafen dort. Idyllisch eingebettet in Schilf- und Wasserlandschaften sind diese kleinen Häfen zu finden. Wie abwechslungsreich erweist sich doch diese Insel...
Ich schweife ab – dabei wollte ich doch erzählen wie sehr sich das Inselleben von dem was ich mir vorgestellt habe unterscheidet. Morgen, ja morgen oder vielleicht übermorgen erzähle ich davon – versprochen.
„Begegnungen“ mein Motto für diese Ferienserie – zu recht wie mir scheint. Unterwegssein lebt von Begegnungen. Begegnungen mit Menschen stehen im Mittelpunkt und sind eigentliche Bereicherungen des Reisens und des Lebens überhaupt – das ist ja klar und ich erwähne dies nur, weil ich eben keine Menschen abbilde.
Hunderte von winzig kleinen Stories reihen sich aneinander. Augenblicksblinken. Unerwähnt ziehen die Zwischenspiele weiter. Trotzdem hinterlassen diese Kleinigkeiten Gefühle und kolorieren meinen FerienAlltag Die wenigen Tage an denen ich alleine unterwegs bin, erlebe ich diesbezüglich sehr intensiv. Meine Wahrnehmung schaltet auf verfeinerte Optik und Akustik. Hhhhmmmmm, ja Akustik. Bekannte Worte erhalten durch die ungewohnte Phonetik einen neuen/anderen Sinn. Ob ich mich schnell daran gewöhnen kann? Zu Zweit wird alles wieder anders sein – wir sind aufeinander eingestimmt – fremde Klänge werden sekundär...
Ergeben Bilder in allen Sprachnuancen dieselbe Resonanz?
Anyway die paar Tage des Alleineunterwegsseins sind schnell verflogen.Geplant und trotzdem eine überraschende und total freudige Begegnung war die Ankunft des Liebsten eines frühen Morgens im Speisesaals des Hotels: die halbe Nacht ist der Mann durchgefahren um mit mir frühstücken zu können. Auf der Türschwelle stehend vergeht kein klitzekleinster Moment des Erkanntwerdens. Augenblicklich überwältigendes Glücksgefühl. Jetzt beginnen die Ferien so richtig, richtig Ferien zu sein. Flugs verlassen wir Kassel und die Dokumenta, um ganz im Norden unsere Insel zu finden.
Selber Ort,
dieselbe Ausstellung,
aber nicht zur derselben Zeit.
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